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Standarddeutsch vs. Schweizerdeutsch (Züritüütsch): Ich, iich, i

Am Anfang eines Sprachkurses - egal ob Deutsch, Schweizerdeutsch, Französisch usw. - lautet das erste Ziel, sich und andere vorstellen zu können. Auch in meinen Kursen geht es in den ersten Lektionen darum, von sich zu erzählen. Im Standarddeutschen geht es primär um die Chunks, die Personalpronomen ich, du, er oder sie werden beiläufig gelernt. Auf Züritüütsch werfen diese persönlichen Fürwörter erste Fragen auf. Genau darum geht es im folgenden Blogartikel.

Die Inhalte dieses Blogartikels:

Funktionieren Personalpronomen auf Standarddeutsch und Züritüütsch immer gleich?

"Guete-n-Aabig, ich begrüessen-öi zum erschte-n-Aabig i öiem Züritüütschkurs. Iich bi d Sabrina. Wie häissisch du?" (Übersetzung: Guten Abend, ich begrüsse euch zum ersten Abend eures Züritüütschkurses. Ich bin Sabrina. Wie heisst du?)


In diesen ersten Sätzen kommen bereits zwei verschiedene Personalpronomen für die 1. Person Singular (Einzahl) vor. Wir unterscheiden betonte (iich) und halb betonte (ich) Personalpronomen. Am häufigsten benutzen wir die halb betonte Form. Im Gegensatz dazu existiert auf Standarddeutsch vom Schriftbild her bloss eine Variante. Die Betonung wird über die Aussprache hervorgehoben. Schriftlich sieht man es nicht. Beispiel: "Hui, bin ich müde. Und du?" - "Jaaa, und ich erst!"


Wie im Standarddeutschen gibt es auch im Schweizerdeutschen verschiedene Fälle (Kasus). Was besonders schön ist: Nominativ, Akkusativ und Dativ reichen völlig aus. Juhui!

Halb betonte Personalpronomen

Wenn wir auf Züritüütsch schreiben, ist es natürlich so, dass es keine Norm gibt. Es gibt keine Rechtschreiberegeln, die für alle verbindlich sind. Doch für meine Kursteilnehmenden ist es eine enorme Hilfe, wenn ich so schreibe, wie wir sprechen. Dank dieser Grundhaltung können betonte und halb betonte Personalpronomen problemlos voneinander unterschieden werden.

Tagebuch
Lerntipp: Schreibe Tagebuch; und zwar in der Sprache, die du momentan lernst. Auch auf Schweizerdeutsch ist das möglich!

halb betonte Personalpronomen:

Standarddeutsch vs. Züritüütsch

Nominativ

ich - ich

du - du

er - èr

sie - si

es - es

wir - mir

ihr - ir

Sie/sie - Si/si


Beispielsätze:

Standarddeutsch vs. Züritüütsch

  1. Ich komme aus der Schweiz. / Ich chume-n-us de Schwiiz.

  2. Du bist Roger, nicht wahr? / Du bisch de Roger, gäll?

  3. Er spricht Deutsch und Englisch. / Èr redt Tüütsch und Änglisch.

  4. Sie versteht kein Schweizerdeutsch. / Si verstaat e käi Schwiizertüütsch.

  5. Es regnet in Strömen. / Es schiffet.

  6. Wir gehen heute in den Zoo. / Mir gönd hüt in Zoo.

  7. Ihr geht gerne shoppen. / Ir gönd gèèrn go shoppe.

  8. Sie haben ein Pflegepferd. / Si händ es Pflègross.


Akkusativ

mich - mich

dich - dich

ihn - in

sie - si

es - s

uns - öis

euch - öi

Sie/sie - Si/si


Beispielsätze:

Standarddeutsch vs. Züritüütsch

  1. Mich haben sie auch gefragt. / Mich händs au gfróóget.

  2. Dich auch? / Dich au?

  3. Interessiert ihn das? / Interessiert in das?

  4. Ich kenne sie nicht. / Ich känn si nöd.

  5. Ich hole es, einen Moment bitte. / Ich hol s, es Momäntli bitte.

  6. Der Lehrer erinnert uns an die Prüfung. / De Leerer erinneret öis a d Prüeffig.

  7. Der Fussgänger fragt euch nach dem Weg. De Fuessgänger fròòget öi nach em Wèèg.

  8. Habt ihr sie gesehen? Die Einbrecher? / Händer si gsee? D Iibrächer?


Im Dativ sehen die Personalpronomen folgendermassen aus:

mir - mir

dir - dir

ihm - im

ihr - ere

ihm - im

uns - öis

euch - öi

Ihnen/ihnen - ene


Beispielsätze:

Standarddeutsch vs. Züritüütsch

  1. Dieses Schulzimmer gefällt mir! / Das Schuelzimmer gfallt mer!

  2. Wie geht es dir? / We gaats der?

  3. Ruf ihn doch an. / Lüüt em doch aa.

  4. Die frische Luft tut ihr gut. / Di frisch Luft tuet ere guet.

  5. Gurken schmecken ihm überhaupt nicht! / Gurke passed em überhaupt nöd!

  6. Kommst du mit uns? / Chunsch (du) mit öis?

  7. Was ist mit euch los? / Was isch mit öi los?

  8. Es ist lustig mit ihnen. / Es isch luschtig mit ene.

Betonte Personalpronomen

Wenn wir diskutieren, unsere Meinung äussern oder einfach betonen möchten, wer genau dies und das gesagt oder getan hat, dann können wir das im Gegensatz zum Standarddeutschen ganz klar ausdrücken. Nebst der betonteren Aussprache wird ein Personalpronomen sogar angepasst.

Tröpfel und Grissini mit Schinken umwickelt
Iich mach hüt en alkoholfreie-n-Apéro. Iich mues hüt Abig nämli na Auto faare.

betonte Personalpronomen:

Standarddeutsch vs. Züritüütsch

Nominativ - Nominativ/Akkusativ

ich - iich

du - duu

er - èèr

sie - sii

es - èès

wir - miir (!)

ihr - iir

Sie/sie - Sii/sii


Beispielsätze:

Standarddeutsch vs. Züritüütsch

  1. Ja genau, ich komme aus der Schweiz (meine Kollegin kommt aus Italien). / Ja genau, iich chume-n-us de Schwiiz (mini Kollegin chunnt us Itaalie).

  2. Bist du Roger? / Bisch duu de Roger?

  3. Nein, er spricht kein Französisch, aber Pierre. / Näi, èèr redt käi Französisch, aver de Pierre.

  4. Stimmt, sie spricht auch kein Französisch. / Stimmt, sii redt au e käi Französisch.

  5. Es gehört mir! / Èès ghöört miir!

  6. Wir haben diesen Sitzplatz reserviert! / Miir händ dä Sitzplatz reserviert!

  7. Ach ja, ihr?! / Ah ja, iir?!

  8. Sie haben ein Pflegepferd? / Sii händ es Pflègross?


Die 1. Person Plural <<miir>> weicht vom Standarddeutschen klar ab, die erste Person Singular <<iich>> wird mit dem langen Vokal und dem《ç》ebenfalls anders ausgesprochen.


betonte Personalpronomen im Dativ:

Standarddeutsch vs. Züritüütsch

mir - miir

dir - diir

ihm - imm

ihr - ire

ihm - imm

uns - öis

euch - öi

Ihnen/ihnen - Ine/ine


Beispielsätze:

Standarddeutsch vs. Züritüütsch

  1. Also mir gefällt es hier überhaupt nicht! / Also miir gfallt s da überhaupt nöd!

  2. Und wie geht es dir? / Und we gaats diir?

  3. Ruf zuerst ihn an. / Lüüt zerscht im aa.

  4. Ihr täte etwas frische Luft auch gut. / Ire täät frischi Luft au mal guet.

  5. Ja und ihm erst. Er sitzt den ganzen Tag im Büro. / Ja und imm erscht! Èr sitzt de ganz Tag im Büro!

  6. Mit uns als Geschäftspartner würde so etwas nie passieren! / Mit öis als Gschäftspartner wüür so öpis nie passiere!

  7. Von euch hört man ja nie etwas ... / Vo öi ghöört mer ja nie öpis ...

  8. Ihnen gehört eine ganze Schafherde. / Ine ghöört e ganzi Schafhèrde.

Schafherde am Grasen
Schafe, die mit einem Wanderhirten vor unserem Haus einen Halt machten.

Unbetonte Personalpronomen

Manchmal hört man für die persönlichen Fürwörter ich, du, es nur die jeweilige Kurzform. I, d, s. Oder das Du fällt einfach ganz weg. Der Grund für diese Verkürzung oder den Wegfall ist, dass es von der Aussprache her einfacher ist, die Kurzform zu verwenden. Oder allenfalls die Bequemlichkeit? Oder der Zeitdruck? Wir müssen ja schliesslich immer pünktlich sein. Spass beiseite: Bei einer Inversion (Subjekt auf Position 3 im Satz), einer Frage oder vor Modalverben fällt das Du weg.


Beispielsätze:

  1. Das kann nicht wahr sein! / Das glaub i nöd!

  2. Darf ich dich etwas fragen? / Tóórf i di öpis fróóge?

  3. Von weit her hörst du sie rufen. / Vo wiitem ghöörsch si rüeffe. (Wegfall du)

  4. Woher kommst du? / Wohèèr chunsch? (Wegfall du)

  5. Ob du eine Frage hast, wollte er wissen. / Öb d e Frag hegsch, hät er welä wüsse.

  6. Heute regnet und windet es. / Hüt strèèzt s.

  7. Schläft es schon? / Schlaaft s scho?


Im Dativ sehen die unbetonten Personalpronomen folgendermassen aus:

Standarddeutsch vs. Züritüütsch

mir - mer

dir - der

ihm - em

ihr - ere

ihm - em

uns - öis

euch - öi

Ihnen/ihnen - ne


Beispielsätze:

Standarddeutsch vs. Züritüütsch


  1. Dieses Schulzimmer gefällt mir! / Das Schuelzimmer gfallt mer!

  2. Wie geht es dir? / We gaats der?

  3. Ruf ihn doch an. / Lüüt em doch aa.

  4. Die frische Luft tut ihr gut. / Di frisch Luft tuet ere guet.

  5. Gurken schmecken ihm überhaupt nicht! / Gurke passed em überhaupt nöd!

  6. Kommst du mit uns? / Chunsch (du) mit öis?

  7. Was ist mit euch los? / Was isch mit öi los?

  8. Es ist lustig mit ihnen. / Es isch luschtig mit ne.

Ich hoffe, dieser grammatikalische Einblick ins Schweizerdeutsche war interessant und verständlich. Bei Fragen oder Ergänzungen freue ich mich über einen Kommentar oder eine direkte Nachricht.


Übrigens: ab August 2026 führe ich einen Fortgeschrittenenkurs über Zoom in einer Kleingruppe durch. Mehr Infos



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©2021 Sprachpflege Sabrina Keller

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